Der Countdown läuft. Laut Anna-Theresa Korbutt könnten Speditionen und der öffentliche Personennahverkehr schon in zwei Jahren gemeinsame Sache machen. Insbesondere Verkehre in ländlichere Gebiete könnten zumindest teilweise zusammengelegt werden, sagt die Chefin des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV).

Stehende Assets verdienen kein Geld
„Das Problem des KEP- und des Stückgut-Logistikers ist, dass er im ländlichen Raum nicht auf seine Stopps und seine Zubringleistungen kommt. Somit ist jeder Stopp für ihn unheimlich teuer. Es sind weite Strecken, der Fahrer kostet das Gleiche, der Lkw kostet das Gleiche, und trotzdem schafft der Logistiker nur seine zehn Stopps. Wenn überhaupt. Und das ist hochgradig unwirtschaftlich“, sagt Korbutt. Natürlich gebe es auch die Überlegung, autonome Lkw auf die Straße zu bringen. Wenn ÖPNV und Logistik das Fahrzeug aber gemeinsam entwickelten, würden auch die Entwicklungskosten auf mehrere Schultern verteilt, erklärt Korbutt.
„Das Fahrzeug wird nicht 24 Stunden am Tag unterwegs sein“, sagt Korbutt. Und ein Asset, das steht, verdiene kein Geld. „Warum kann das Auto dann nicht zu einem KEP-Dienstleister fahren, Pakete einpacken lassen und dementsprechend ausliefern?“, fragt die HVV-Chefin. Insofern die Fahrzeuge richtig konfiguriert wären, könne das eine Lösung für Paketdienste sowie Stückgutspeditionen darstellen. Natürlich hieße das, dass die Kapsel nicht beiden Systemen jederzeit zur Verfügung stehe.
Wie die Aufteilung aussehen könnte, müsste im Rahmen von Testprojekten eruiert werden, sagt Korbutt. Aber es gebe genügend Spediteure, die mit weniger als zwei Paletten in den genannten Gebieten unterwegs seien. Zudem müssten sie seit Corona immer mehr Privathaushalte bedienen – ebenfalls Neuland für die meisten Speditionen.
Alte Infrastruktur mit neuem Zweck
Laut Korbutt könnten Tankstellen zu zentralen Anlieferungshubs für Stückgut umfunktioniert werden. Schließlich werde bald alles elektrisch betrieben, „wofür sonst brauchen wir die dann also noch?“ Die Tankstellen, wo Spediteure ihre Ware anliefern könnten, seien bereits gut gelegen und meist gut angebunden. „Das läuft dann alles automatisiert“, sagt Korbutt. „Wenn ich meinen Kühlschrank oder meine Waschmaschine bestelle, dann autorisiere ich über eine App die autonome Kapsel und sage, wann ich das Gerät geliefert haben möchte.“
Für den Spediteur bedeute das zum einen, dass er sich nicht um das Avis beim Endkunden kümmern und zum anderen weniger Stopps anfahren müsse und somit Kosten spare.
Nicht jedes Paket kann ÖPNV
Die schon oft in den Medien beschriebenen Lösungen für den Pakettransport mit der Tram oder U‑Bahn hält die HVV-Chefin jedoch nicht für zukunftsfähig. „Das sind ganz eng getaktete Verkehre“, sagt sie. „Wie kommen die Pakete denn da rein? Also, erstmal muss man die Sendungen reinbekommen und dann wieder herausbekommen, und das in einer Frequenz von nicht einmal zehn Sekunden Umsteigezeit.“
Aus diesem Grund könnte der ÖPNV den KEP-Markt in Ballungsgebieten nicht bedienen. Dennoch schaue sie weiterhin auf die Forschung in diesem Bereich, aber „bislang war noch kein Konzept dabei, das mich überzeugt hat, was bei den Paketmengen sinnbringend ist, ohne dass ein System kollabiert“.
Es geht darum, was sein könnte
„Sie können jede Idee töten, wenn wir gleich über Haftungsfragen oder ähnliches diskutieren“, räumt Korbutt ein. Natürlich sei das auch für konsolidierte Stückgutlieferungen und den Weitertransport per
autonomer Kapsel der Fall. „Darum geht es aber nicht“, betont die HVV-Chefin. „Es geht darum, dass die Systeme das könnten!“
Automatisierte Warenhäuser gebe es bereits. Die größte Restriktion ist laut Korbutt, dass es die autonomen Fahrzeuge für die Zustellung zum Kunden noch nicht gibt. „Es muss erst einmal überlegt werden, wie so eine Kapsel aussehen muss, damit sie beide Systeme bedienen kann. Dafür braucht es Ingenieursleistung.“ Dann stünde einem Pilot- oder Forschungsprojekt in den kommenden zwei Jahren nichts mehr im Wege. Sie ergänzt: „Die einzige Grundvoraussetzung ist, dass sich noch mehr crazy Geister finden und zusammenkommen und ich nicht die Einzige bin, die an Türen klopfen muss.“
Zu diesem Artikel gibt es einen Podcast: Eine Palette fährt aufs Land: Warum die Logistik auch auf den Personenverkehr bauen sollte
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